Prag, tschechisch Praha, Hauptstadt der Tschechischen Republik und Verwaltungssitz des Mittelböhmischen Bezirks, liegt in einem weiten Talkessel (Prager Becken) beiderseits der Moldau, bildet verwaltungsmäßig einen eigenen Bezirk mit 496 km2, 1,27 Mio. Einwohnern; katholischer Erzbischofssitz; wirtschaftliches, wissenschaftliches und kulturelles Zentrum des Landes, Karls-Universität (1348 gegründet), Technische Hochschule u. a. Hochschulen; Kunstakademie, Konservatorium, Forschungsinstitute, zahlreiche Bibliotheken, wissenschaftliche Gesellschaften, darunter die Akademie der Wissenschaften, Goethe-Institut (seit 1990); mehrere Museen und Gemäldegalerien, über 20 Theater, zwei Opernhäuser; Planetarium, botanischer und zoologischer Garten, im Stadtteil Barrandov Filmateliers; Industrie-, Handels- und Finanzzentrum mit Maschinen- und Fahrzeugbau, Nahrungs- und Genussmittel-, chemischer, pharmazeutischer, elektronischer, feinmechanischer, optischer u. a. Industrie, Druckereigewerbe und Verlagswesen; Verkehrszentrum mit internationalem Flughafen Ruzyně und Flusshafen (Beginn der Moldauschifffahrt); U-Bahn (seit 1974).

 

Stadtbild

In beherrschender Lage die Prager Burg, der Hradschin, dessen älteste Grundmauern ins 9./10. Jahrhundert reichen (heute Sitz des Staatspräsidenten). Zum alten Palast gehören der spätgotische Wladislawsaal (vollendet 1502), der Ludwigsbau (1503–10) und der Alte Landtagssaal (Ende des 14. Jahrhundert, Renaissanceausstattung 1559–63). Zentrum der Burg ist der gotische Sankt-Veits-Dom (begonnen 1344, Chor, Querschiff und Südturm 1385 von P. Parler fertiggestellt; Innenausstattung: u. a. Grabmäler der Přemysliden und 21 Bildnisbüsten von P. Parler im Triforium). Zur inneren Anlage des Hradschin gehört auch das Kloster Sankt Georg mit der romanischen Basilika (Mitte 12. Jahrhundert). Außerhalb des Burgkomplexes zahlreiche Paläste: u. a. Schwarzenberg-Palais (1545–63); Sternberg-Palais (1698–1730, heute Nationalgalerie), Černín-Palais (1669 folgende), das Lustschloss Belvedere (1536–63), das Loretokloster (1600 folgende) und das Kloster Strahov (12.–18. Jahrhundert, heute Museum des Nationalen Schrifttums). Unterhalb der Burg erstreckt sich bis zur Moldau die Kleinseite mit der Sankt-Niklas-Kirche (1703 folgende, von C. und K. I. Dientzenhofer) und der Wallfahrtskirche Maria de Victoria (ursprünglich 1611–13, später umgebaut; mit dem »Prager Jesuskind«).

Die Karlsbrücke (1357 folgende, gotische Brückentürme, barocke Skulpturen) führt in die historische Altstadt (UNESCO-Weltkulturerbe): im Zentrum (Altstädter Ring) das Altstädter Rathaus (1338 folgende) mit der astronomischen Uhr (1410) und die gotische Teynkirche (1135 gegründet); in der Altstadt befinden sich außerdem das Carolinum (Sitz der Universität, Kernbau 14. Jahrhundert), die gotische Bethlehemskapelle, Predigtkirche des J. Hus (1391 folgende, 1786 abgerissen, wiederhergestellt 1950–52), das Klementinum (Jesuitenkolleg, 1556 folgende) und das Clam-Gallas-Palais (1713 folgende von J. B. Fischer von Erlach).

Die Neustadt wurde ab 1348 zwischen Altstadt und Vyšehrad um zwei lang gestreckte Plätze angelegt: Karlsplatz mit dem Neustädter Rathaus (14.–16. Jahrhundert) und Wenzelsplatz (mit Nationalmuseum und Standbild des heiligen Wenzel, vollendet 1922). Weitere bedeutende Bauten der Neustadt sind u. a. die gotische Mariä-Schnee-Kirche und das Nationaltheater (1868–81). Vom ehemaligen Judenviertel (Josefstadt) sind u. a. die frühgotische Altneu-Synagoge (um 1270) und der jüdische Friedhof erhalten. Von den Bauten des 20. Jahrhunderts sind v. a. Bauwerke des Jugendstils (u. a. Grandhotel Europa, 1906) und des tschechischen Kubismus bemerkenswert; neben Rekonstruktions- und Restaurierungsmaßnahmen verändern v. a. Hotels, Büro- und Geschäftsbauten das Stadtbild, u. a. Bürohaus Rašín (»Ginger and Fred«) von F. O. Gehry und Vladimir Milunić (1994–96).

 

Geschichte

Prag entwickelte sich aus mehreren Siedlungen zwischen den beiden Burgen Vyšehrad und Hradschin. 973 wurde das Bistum Prag (seit 1344 Erzbistum) gegründet. Durch intensive, auch deutsche Besiedlung entstand die sogenannte Kleinseite, die 1257 Stadtrechte erhielt; die Altstadt besaß Stadtrecht seit 1230. Blütezeit unter Kaiser Karl IV. (seit 1346 dessen Residenz): u. a. 1348 Bau der Neustadt und Gründung der Universität.

Von Prag gingen die Bewegung des J. Hus (1. Prager Fenstersturz, 30. 7. 1419; Hussiten) und der Böhmische Aufstand (2. Prager Fenstersturz, 23. 5. 1618; Dreißigjähriger Krieg) aus. 1784 Vereinigung der vier Prager Städte (Altstadt, Kleinseite, Neustadt, Hradschin); 1848 Zentrum der fehlgeschlagenen nationaltschechischen Revolution. 1918–92 Hauptstadt der Tschechoslowakei. 1939 von deutschen Truppen besetzt, danach (bis Mai 1945, Einmarsch sowjetischer Truppen) Hauptstadt des Protektorates Böhmen und Mähren. Im August 1968 gewaltsame Niederschlagung des Prager Frühlings. Seit 1969 Hauptstadt der Tschechischen Republik (innerhalb der Föderation); seit 1993 Hauptstadt der unabhängigen Tschechischen Republik.

Der Friede von Prag zwischen Kursachsen und Kaiser Ferdinand II. (30. 5. 1635), dem sich viele protestantische Reichsstände anschlossen, sah eine begrenzte Festschreibung des konfessionellen Status quo vor; Kursachsen erhielt die Ober- und Niederlausitz. – Der Friede von Prag am 23. 8. 1866 beendete den Deutschen Krieg.

Prager Frühling: Bezeichnung für den Liberalisierungs- und Demokratisierungsprozess in der ČSSR von Januar bis August 1968 unter A. Dubček (»Sozialismus mit menschlichem Antlitz«, ohne jedoch das Bündnis mit der UdSSR infrage zu stellen). Dabei sollte die Wirtschaft nach dem von O. Šik entwickelten »Neuen ökonomischen Modell« (Verbindung marktwirtschaftlicher Elemente mit staatlicher Wirtschaftsplanung und Arbeiterräten im Sinne einer sozialistischen Marktwirtschaft) gestaltet, die Kulturpolitik u. a. durch zunehmende Presse- und Meinungsfreiheit liberalisiert werden, sowie das politisch-gesellschaftliche Leben auch für bürger- beziehungsweise zivilgesellschaftliche Initiativen Raum bieten.

Die Reformpolitik und der sich bald verselbstständigende Demokratisierungsprozess wurden von der Bevölkerung begeistert aufgenommen; dies belegen u. a. die nichtkommunistische Initiative »Klub der Engagierten Parteilosen« (tschechische Abkürzung KAN), die am 18. 5. 1968 mit einer Resolution an die Öffentlichkeit trat, sowie das »Manifest der 2000 Worte« vom 27. 6. (Ludvík Vaculík). Durch die militärische Intervention der UdSSR und vier weiterer Staaten des Warschauer Paktes (ungefähr 14 000 Mann Kampftruppen und 4 500 Panzer; zwei Divisionen der NVA auf DDR-Territorium in Grenznähe in Bereitschaft gehalten) am 20./21. 8. 1968 gewaltsam unterbunden (94 Todesopfer, über 300 Schwerverletzte; pseudolegitimiert durch die Breschnew-Doktrin); als treibende Kraft wirkte v. a. W. Ulbricht (u. a. Geheimtreffen der Generalsekretäre der KPdSU, der SED sowie der ungarischen, polnischen und bulgarischen KP am 18. 8.). Im »Moskauer Protokoll« vom 26. 8. 1968 wurde das in die UdSSR verschleppte Politbüro der KPČ gezwungen, dem Abbau der Reformen zuzustimmen (»Normalisierung«). – Die Niederwerfung des Prager Frühlings brachte das Ende reformkommunistischer Versuche; Repräsentanten des Prager Frühlings wurden zu Trägern der sich formierenden Bürgerbewegung in der ČSSR (u. a. Charta 77).

Wirtschaft und Infrastruktur

Die Hauptstadt der Tschechischen Republik gehört traditionell zu den wichtigsten wirtschaftlichen Zentren des Landes. Bedeutend ist der Tourismus mit 5,5 Mio. Übernachtungsgästen im Jahr 2013, davon 86 Prozent Ausländer. Bürogebäude, Luxuswohnungen, Hotels sind entstanden, gleichzeitig hat sich die Zahl der Bewohner des Zentrums von 100.000 auf ein Fünftel reduziert.

Prag hat eine bedeutende Filmindustrie und eine ansehnliche verarbeitende Industrie. Im Vergleich mit dem BIP der EU, ausgedrückt in Kaufkraftstandards, erreichte Prag im Jahr 2006 einen Index von 162,3 Prozent (EU-27:100).

Verarbeitende Industrie

Die verarbeitende Industrie Prags macht 7,6 Prozent der Gesamtproduktion des Landes aus, die Stadt nimmt damit in der regionalen Struktur die fünfte Stelle von insgesamt 14 Regionen ein. Die Industriegebiete liegen besonders im Nordosten und im Südwesten der Stadt.

Dem Umfang nach nehmen hier zwei Branchen eine herausragende Stellung ein: die Herstellung von Nahrungsmitteln und von elektrischen und optischen Geräten, besonders stark ist die Herstellung von Rundfunk- und Fernsehgeräten vertreten (20 Prozent der Gesamtproduktion).

Gefolgt werden diese zwei Branchen durch die polygrafische Industrie.

Im Stadtgebiet sind jedoch auch weitere traditionelle Industriezweige angesiedelt:

  • Metallverarbeitung
  • Maschinenbau
  • Chemie
  • Baustoffe
  • Fahrzeugbau

Andere Branchen spielen eine eher untergeordnete Rolle.

Klima

Prags mildes Klima wird sowohl von atlantischer, als auch kontinentaler Seite beeinflusst. Die mittlere Jahrestemperatur liegt um die 8 °Celsius. Minuswerte im Winter erreichten zuletzt (2006) bis zu −17 °Celsius, Pluswerte im Sommer bis zu 35 °Celsius. Der meiste Niederschlag fällt im Sommerhalbjahr (Mai: 77 mm), das Winterhalbjahr ist verhältnismäßig trocken (Oktober bis März: 23 bis 32 mm). Gegenüber den langjährigen Mitteln der Jahre 1961 bis 1990, sind in den vergangenen Jahren eine Zunahme der Temperaturwerte um etwa ein Grad und ein Rückgang der Niederschläge um rund 20 Millimeter zu beobachten.

Quellen: H. Pleticha u. Wolfgang Müller: Prag. Die Goldene Stadt in Geschichte u. Gegenwart; D. Arens: Prag. Kultur u. Geschichte der »Goldenen Stadt«; H. Salfellner: Prag. Die goldene Stadt; Prag, bearbeitet v. M. Reincke. Prag bei Wikipedia.org